Lustvoll den Harneingang entdecken

Seit ich auf einem linken Festival einen Workshop zu weiblicher Ejakulation besucht habe, schwirrt mir diese Aussage im Kopf. Der Workshop war zwar mit „weiblicher Ejakulation“ betitelt, wurde aber von Queerfeministinnen abgehalten. Die beiden sind Expertinnen, wenn es um weibliche Ejakulation geht: eine von ihnen besuchte mal einen Workshop zu diesem Thema, bei dem sie praktische Erfahrung sammeln konnte. Dort saßen mehrere Frauen in der Hocke „ganz entspannt“, den Rücken an die Wand gelehnt,  in einem Raum, führten zwei Finger ein und …. ejakulierten! Ja, das gibt es offenbar.

Erhofft hatte ich mir eine umfassende Patriarchatskritik, denn im Grunde ist „squirten“ eine Praktik, die wir aus Pornos kennen. Aber ganz in liberal feministischer Manier bestand der Workshop aus Tipps und Tricks wie wir denn nun alle Squirten lernen könnten. Man könne beispielsweise den Harneingang lustvoll entdecken. Aua und hallo Blasenentzündung. Die weibliche Ejakulation als das wonach wir Frauen zu streben haben. Frei nach dem Motto: Wer für Männer attraktiv sein will, muss leiden. Erregung? Fehlanzeige. Erregung ist aber der eigentliche Ursprung der weiblichen Ejakulation. Nicht so in Pornos: Dort ejakulieren Frauen durch Penetration am besten mehrmals in kürzester Zeit. Mit der Anzahl von weiblichen Ejakulationen pro Minute steigt auch der Anspruch an uns. „Kannst du squirten?“ ist keine seltene Frage von Männern. Wird sie verneint, wird geübt. Wir, die Frauen, üben. In Workshops. Wir lernen in erniedrigender Weise squirten, reden uns ein, dass die Atmosphäre entspannt sei und bezahlen vermutlich auch noch Geld dafür. Wir üben zu Hause in der Badewanne, probieren alles Mögliche aus. Dass es Aufgabe der Männer wäre, uns in den Zustand höchster Ekstase zu bringen verdrängen wir – und spielen dem Patriarchat damit in die Hände. In den Pornos geht das ja schließlich wie von selbst: Die magischen Zutaten sind eine möglichst hohe Dosis Erniedrigung und Penetration. Wenn wir nur genug üben, klappt das auch. Oder nicht. Und dann machen wir uns Vorwürfe und suchen den Fehler bei uns. Solche Workshops sind darauf ausgelegt an unser Pflichtbewusstsein zu appellieren. Es ist unsere Aufgabe die Obsessionen der Männer zu befriedigen. Wir richten uns nach den Wünschen der Männer. Uns wird die sexuelle Lust aberkannt, während die männliche Lust zum Maß aller Lüste erkoren wird. Schmerzen während der Ejakulation werden als reine Kopfsache abgetan. Der Ursprung könne nur psychologisch sein – lösbar durch Nachdenken und weiter probieren.

Workshops, die uns die weibliche Ejakulation beizubringen versuchen, bewirken, dass Männer sich nicht mehr mit ihr auseinander setzen müssen. Workshops, die uns die weibliche Ejakulation beizubringen versuchen, tragen zur Tabuisierung weiblicher Lust bei. Weibliche Lust wird unsichtbar gemacht, geradezu negiert. Das, was Männer als Laster empfinden, wird ihnen abgenommen – von Frauen, die uns beibringen wie wir die Wünsche der Männer erfüllen. Männer müssen sich nicht mehr mit der weiblichen Lust auseinander setzen, weil Frauen als verlängerter Arm des Patriarchats fungieren.

Auf die Frage wie sich so eine Ejakulation denn anfühle, antwortete die Referentin, dass es eine enorme Erleichterung sei. Erleichterung es endlich geschafft zu haben? Erleichterung am Ziel angekommen zu sein? Erleichterung über eine erfüllte Anforderung?

Wir sollten uns vor Augen halten, was wirklich erleichternd wäre: Unsere Lust ausleben zu können und Befriedigung zu erhalten. Abseits von pornografischen Klischees.

22.5.17 21:02


[erste Seite] [eine Seite zurück]



Sie ist die Personifikation

der Gerechtigkeit