PCOS – Das befreiende Potential

Sind wir Frauen weniger wert, wenn wir keine Kinder gebären können? Die Diagnose PCOS versetzt vorerst in Schockstarre. Aber eröffnet dann wunderbare Möglichkeiten. Ein feministisch analysierter Erfahrungsbericht.

PCOS, das polyzystische Ovarial-Syndrom, bewirkt das Ausbleiben der Periode und beeinflusst damit die Fähigkeit zu gebären. Betroffen seien hauptsächlich übergewichtige Frauen. Zudem haben betroffene Frauen mit vermehrtem Haarwuchs zu kämpfen, beispielsweise im Gesicht.

Wegen meiner ausgeprägten Kinnbehaarung ging ich zu einer Ärztin. „Natürlich“ seien die Haare nicht, wurde mir gesagt. Hirsutismus betitelte sie die „Krankheit“ und stufte den Haarwuchs gleich als übermäßig ein. Als ich das Problem jedoch mit Freundinnen besprach, schlug mir großes Verständnis entgegen. Auch sie hatten mit ihren Gesichtshaaren zu kämpfen. Nur hatten meine Freundinnen ihre Periode regelmäßig. Wir alle, sowohl die Frauenärztin als auch meine Freundinnen, sind ständig mit den makellosen unbehaarten Frauenkörpern in den Medien konfrontiert. Die Frauen sind meistens super jung, vielleicht haben die noch gar keinen Haarwuchs. Egal, wir messen uns an ihnen. Deswegen empfinden wir unsere Haare als krankhaft und entfernen sie teilweise unter großen Schmerzen. Während sich Achsel- und Beinhaare bei Frauen zumindest in feministischen Kreisen zunehmender Beliebtheit erfreuen, sind Gesichtshaare immer noch tabuisiert. Außer Augenbrauen natürlich, die sind in jeder Frauenzeitschrift ein Thema.

Die makellosen Körper, die in den Medien gezeigt werden, weisen auf einen zweiten Punkt, mit dem ich während des Diagnose Prozesses konfrontiert war: „Nehmen Sie erstmal ab“, so ließe sich mein Zyklus in den Griff bekommen. Ich denke, dass es sich hier um einen perfiden Versuch handelt Frauen von einer Behandlung zu überzeugen. Mittels manipulativer Techniken sollen Frauen in ein Schönheitsideal gepresst werden. Dass ich mit meinem aktuellen Aussehen keinen Mann finden würde, wurde immer wieder unterschwellig kommuniziert. Drei Möglichkeiten, um fruchtbar zu werden wurden mir aufgezeigt:

1.    Die Pille. Damit sei mein Zyklus geregelt und ich könnte mir vorbehalten zu einem späteren Zeitpunkt Kinder zu gebären.

2.    Gewichtsverlust.

3.    Diabetes Medikamente, die den Zyklus – vielleicht – regulieren können.

Alle Möglichkeiten implizieren, dass es mein Lebenstraum sein müsse – am besten zahlreiche – Kinder zu gebären. Für jede Option hätte ich Risiken und Nebenwirkungen in Kauf nehmen oder mich quälen müssen, um abzunehmen. Nicht das Wohlbefinden von betroffenen Frauen steht hier im Vordergrund, nein, es ist die Produktion von Nachkommen, die sichergestellt werden soll. Unsere Lebensqualität rückt in den Hintergrund, zum Wohl unserer ungeborenen Kinder – von denen wir zum Zeitpunkt der Diagnose vielleicht nicht mal wissen, ob wir sie haben wollen. Die Priorität auf unserem Aussehen und unserer Gebärfähigkeit reduziert uns auf unsere Körper. Die scheinbar einzige Aufgabe, die uns Frauen gesellschaftlich zugedacht ist, können wir Betroffenen nicht erfüllen. Wir verlieren unseren Nutzen nicht nur für Männer, sondern für den Staat. Wir verlieren unseren Status als Frauen, werden entweiblicht. In der Folge begann ich mich tatsächlich unattraktiv und sinnentleert, geradezu wertlos zu fühlen.

Egal welche der Optionen ich wählen würde: die Entscheidung würde so fallen, dass ich für Männer möglichst attraktiv war. Männer sind in meinen Augen die Wurzel des Problems: Für sie sollen wir Frauen schön sein, für sie sollen wir gebären. Wir werden an dem gemessen, was Männer von uns erwarten. Können wir unsere Aufgabe nicht erfüllen, sind wir wertlos. Die Diagnose PCOS versetzt uns Frauen in die Lage unsere Überzeugungen überdenken zu müssen: Was wollen wir für uns selbst eigentlich? Nach der Diagnose stehen wir an einem Scheideweg. Wir haben an diesem Punkt die Freiheit unserem Leben einen Sinn abseits männlicher Herrschaft zu geben. Der Druck alles zu tun, um einen Mann zu finden, eine Familie zu gründen, weiße Hochzeit… kann mit einem Mal abfallen! Von der heterosexuellen Vorstellung einer Familie befreit können wir unsere Sexualität neu denken unsere Körper neu entdecken. Wir können unsere Körperhaare wachsen lassen und Schokolade ohne schlechtes Gewissen essen! Ein neuer Horizont eröffnet sich: Krampfhaft gefallen müssen wir niemandem mehr.

Polyzystisches Ovar-Syndrom ist nicht der Untergang. Im Gegenteil: Es ist die Befreiung, auf die ich gewartet habe.

22.5.17 21:36


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Sie ist die Personifikation

der Gerechtigkeit